Gut vernetzt
Ob in Wirtschaft, Wissenschaft oder Politik: Frauen entdecken auf ihrem Weg zur Macht neue Helfer – andere Frauen
Männer brauchen über Netzwerke, Seilschaften und Patronage nicht zu sprechen: Sie haben sie. Und sie besetzen noch immer 90 Prozent der Führungspositionen in der deutschen Wirtschaft. Das ist weder unter Demokratiegesichtspunkten akzeptabel, noch ist es ökonomisch vernünftig – zumal in einer alternden Gesellschaft, in der der Fachkräftemangel schon begonnen hat. Und in Zeiten, da sich die Jungs mit Schul- und Hochschulabschlüssen immer schwerer tun, während die Mädchen und jungen Frauen glänzen.
Norwegen zwingt aus solchen Gründen neuerdings seine Aktiengesellschaften per Gesetz, ihre Aufsichtsräte zu quotieren. Anders als es in Deutschland zu erwarten wäre, lamentieren die Wirtschaftsverbände dort nicht (mehr) über die staatliche Vorschrift, sondern bereiten die Frauen in hochklassigen Managementkursen auf die Aufgabe vor. Einer der wichtigsten Lehrsätze dabei lautet: Vernetzt euch! Lernt euch kennen! Vertraut einander! Arbeitet zusammen!
Und wie steht es um die Zusammenarbeit in Deutschland? Gibt es das – Frauennetzwerke in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik? Zusammenschlüsse für berufstätige Frauen wie die Business and Professional Women Germany oder das European Women’s Management Development Network existieren auch in Deutschland seit vielen Jahren; der Verband Deutscher Unternehmerinnen wurde schon 1954 gegründet, als empörte Reaktion auf die Äußerungen eines längst vergessenen Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, der das unerhörte Vorkommen von Unternehmerinnen als »vorübergehende Kriegsfolgeerscheinung« bezeichnet hatte.
Doch woran liegt es, dass derartige Zusammenschlüsse bisher nicht mehr Erfolg hatten? Dass es immer noch nicht mehr weibliche Vorstände, Aufsichtsräte, Professorinnen oder Chefredakteurinnen gibt (siehe Grafik, Seite 18)?
Ursula Pasero von der Gender Research Group der Universität Kiel vermutet, dass Netzwerke, in denen vorrangig Benachteiligungen thematisiert werden, an Attraktivität einbüßen. Heute komme es aber darauf an, die Verliererperspektive hinter sich zu lassen und zu begreifen, was für eine volkswirtschaftliche Ressource hoch qualifizierte Frauen sind.
Aus dem Boden stampfen lässt sich so ein Perspektivenwechsel gewiss nicht, ebenso wenig, wie sich plötzlich Power-Netzwerke herbeibeten lassen. Aber erste Anzeichen für die neuen, klarer macht- und interessenorientierten Zusammenschlüsse von Frauen gibt es schon, und es ist vielleicht kein Zufall, dass ihr Auftauchen zeitlich mit dem Amtsantritt der ersten deutschen Bundeskanzlerin zusammenfällt. Die politische Sphäre ist der Wirtschaft in Frauendingen voraus – aber sie strahlt dorthin aus.
Auf der Besuchertribüne des Reichstages verbotenerweise Kekse essend und triumphierend, so hat man sie in Erinnerung, die einflussreichen Damen, die sich zusammengetan hatten, um 2005 einer noch unsicheren und umstrittenen Angela Merkel ins Kanzleramt zu verhelfen: die Verlegerin Friede Springer, Event-Managerin Isa Gräfin von Hardenberg, die Journalistinnen Inga Griese und Sabine Christiansen.
»Ein Netzwerk ist für mich eine Veranstaltung, die auf Vertrauen gründet. Es geht nicht darum, unmittelbar davon zu profitieren«, sagt Griese, Gesellschaftsautorin bei der Welt und Kanzlerin-Freundin. »Wir waren einfach überzeugt: Wenn Frau Merkel es wird, ist das gut für das Land.« Griese und die anderen Frauen präsentieren die Kandidatin vor der Wahl auf Diners und bei Empfängen, um das konservative Lager auf dem Wege der persönlichen Begegnung für sie zu mobilisieren; auch Haar- und Stilberatung unter Frauen soll es gegeben haben. Einzelheiten werden nicht verraten. »Es ist so wahnsinnig schwer, Bürgerliche zu einem öffentlichen Bekenntnis zu bewegen«, sagt Griese. »Die Linken sind im laut Schreien viel besser.« Die kleine Interessengruppe fühlt sich auch weiterhin dafür verantwortlich, Merkel zu begleiten.
Das muss für eine Politikerin, zu deren Alltag harte Konkurrenz und nicht enden wollende Ausscheidungskämpfe gehören, eine seltsam erfreuliche Erfahrung gewesen sein: dass da ungebeten welche helfen wollten, nicht Unbedeutende zudem; und dass diese Hilfe dann auch noch von Frauen kam, die einander traditionellerweise doch angeblich beargwöhnen.
Mit informellen Netzwerken befasst sich die Betriebswirtschaftslehre bereits seit den dreißiger Jahren – freilich eher am Arbeitsplatz als in der Politik. Und bis in die fünfziger Jahre genossen diese unsichtbaren Gespinste einen ausdrücklich schlechten Ruf, galten als subversiver Weg, um sich in Organisationen nicht durch Leistung, sondern durch soziale Kontakte Einfluss zu verschaffen. Heute hingegen gehört die soziale Kontaktpflege, gerade in Sphären, die so kommunikationsabhängig sind wie Politik, Wirtschaft oder Medien, zum Kern dessen, was Leistung ausmacht. Das scheint gerade Frauen, die oftmals einem sehr formalen Leistungsbegriff anhängen, die Fleißpunkte sammeln und hoffen, dass eine höhere Macht ganz von selbst ihren Wert erkennt, zu irritieren. Aber die Zeiten ändern sich. »Heute werden Netzwerke instrumentell betrachtet«, schreiben die Züricher Organisationstheoretikerinnen Nicoline Scheidegger und Margit Osterloh, Letztere selbst eine gut vernetzte Professorin für Betriebswirtschaftslehre und engagierte Mentorin jüngerer Wissenschaftlerinnen.
Zu dieser nüchternen Sicht gehört die Frage, welches Problem die untersuchten Zusammenhänge, die jeweiligen Netzwerke eigentlich lösen. Wollen sie immer noch Benachteiligungen ausgleichen, Stütze, Trost und Ermutigung bieten? Oder geht es inzwischen um mehr? Die Merkel-Unterstützerinnen, allesamt hoch professionell, knüpften an der wichtigsten Machtfrage des Landes. Auch wenn es unmöglich ist, ihren Anteil am – ja durchaus knappen – Wahlsieg der Kanzlerin zu beziffern: Mit Defiziten und Diskriminierung hatte dieses Projekt längst nichts mehr zu tun.
Allerdings bleibt ein Rest des Fünfziger-Jahre-Misstrauens: Kommt ein solches Beziehungsgeflecht, ganz funktional betrachtet, wirklich ohne Geben und Nehmen aus? Oder muss die, die so freundlich unterstützt wurde, sich nicht doch gelegentlich politisch revanchieren – zum Beispiel indem sie, was mächtigen Verlegerinnen am Herzen liegen dürfte, einen Mindestlohn für Zeitungszusteller verhindert? Ein Netzwerk, auch ein Frauennetzwerk, ist neben vielem anderen eine Black Box, ein jeder öffentlichen Kontrolle entzogener Einfluss- und Beeinflussungsraum. Ein Tummelplatz für Underdogs hingegen ist es immer seltener.
Das wird anschaulich, wenn man die Handtaschenparade in Alice Schwarzers privatem Flur betrachtet – weiß Gott, es sind Power-Taschen, die dort zusammenstehen. Dank Deutschlands wichtigster Feministin erhält die Kanzlerin einen Abend lang die Gelegenheit zu höchst wirksamer Vernetzung: In Schwarzers Berliner Altbauwohnung treffen sich einflussreiche Journalistinnen mit Angela Merkel und drei ihrer Ministerinnen von CDU wie SPD. Es gibt kleine Quiches und Käse, Rotwein und Weißwein; Gelegenheit zu einem gänzlich barrierefreien Gespräch mit der mächtigsten Frau im Staat – und zur Kontaktpflege untereinander.
Schwarzer lädt zu solchen Treffen ein, einmal, vielleicht zweimal im Jahr: Sie stehen in der Tradition ihres parteiübergreifenden Politikerinnen-Netzwerks, das sich seit Bonner Tagen für frauenpolitische Belange starkmachte – für eine bundesweite Ganztagsschuloffensive etwa oder für die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe. Gebeten zu werden ist eine Ehre, auch wenn zur bella figura der Gäste die Demonstration von Selbstverständlichkeit gehört. Große Publikumsreichweiten und hohe Auflagen sind an diesem Abend im Herbst versammelt, Quoten-Königinnen und Print-Primadonnen.
Was geht hier vor? Auch für das politische Berlin ist es keineswegs typisch, dass sich nennenswerte Teile der Regierung abends quasi privat mit Medienleuten zusammensetzen. Und erst recht nicht, dass es sich bei diesen Medienleuten ausschließlich um Frauen handelt.
Tatsächlich sind wohl, in Gestalt von Schwarzer und Merkel, zwei Personen aufeinandergetroffen, die wie kaum andere die Bedeutung von politisch-journalistischer Kommunikation bei der Platzierung von Themen begreifen – und beherrschen. Was bringt die Veranstaltung einer viel beschäftigten Frau wie der Kanzlerin? Ihr dürfte klar sein, dass ein atmosphärisch angenehmes Treffen in Schwarzers Wohnzimmer mehr Richtung in die Berichterstattung vieler Medien bringen kann als alle Verlautbarungen des Bundespresseamtes zusammen.
Ist die Stimmung an einem solchen Abend anders als in gemischter Gesellschaft? Ja und Nein. Die üblichen Reflexe, die der Kontakt mit Macht auslöst, funktionieren auch unter Frauen: Natürlich ist die Kanzlerin der größte Fisch in diesem Becken, natürlich strebt alle Aufmerksamkeit im Raum ihr zu. Davon abgesehen aber sind die Rituale der Selbstdarstellung und Selbstvergrößerung, die man sowohl von Merkels Amtsvorgängern als auch von manchen leitenden Medienherren fast sicher erwarten könnte, hier auffällig abwesend.
Angela Merkel muss nicht darauf herumreiten, dass sie die Bundeskanzlerin ist; das weiß ja jede der Anwesenden. Also erzählt sie lustige Geschichten über andere Regierungschefs und gute DDR-Witze. Ihre eigentliche Botschaft, die Bedeutung des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr gerade für die Rechte von Frauen in diesem gebeutelten Land, hat Merkel längst platziert und viel Nicken und zustimmendes Gemurmel erhalten. Allein dafür hat sich der Abend allemal gelohnt: Es ist ja keine Selbstverständlichkeit, dass all diese wichtigen Journalistinnen der Großen Koalition in dieser kontroversen Frage recht geben.
Kein Zweifel, auch dieser losere Frauenzusammenhang arbeitet an einem der hochkarätigsten Probleme, die es in Deutschland zu beackern gibt: Welche Interpretation der Merkelschen Amtsführung setzt sich durch? Was kann sie dagegen tun, dass die stets schnell gelangweilten Medien die Große Koalition in Grund und Boden nölen? Gerade die vergleichsweise schwachen Beziehungen der Journalistinnen und Politikerinnen untereinander machen dabei die Stärke dieses Netzwerkes aus: Es erlaubt eine Vielzahl von hochrangigen Kontakten, die jederzeit aktivierbar sind.
Der amerikanische Soziologe Mark Granovetter hat die »Stärke schwacher Beziehungen« bereits in den siebziger Jahren in einer Untersuchung zur Stellensuche nachgewiesen. Deren Ergebnisse lassen sich auch auf den politisch-journalistischen Komplex übertragen: Die Möglichkeit, Informationen auszutauschen, ist in schwach gebundenen Netzen ungleich höher als in engeren, vertrauten Cliquen, die einander vielleicht Wärme und Wohlbehagen vermitteln, sich aber auch abschotten, in Fehlwahrnehmungen bestärken und redundante Informationen hin- und herreichen. Der weiblichen Intuition mag dieser harsche Befund widersprechen, aber »die Wärme und Kuscheligkeit allzu starker Beziehungen könnte ein Grund für die Unbeholfenheit vieler Frauenzusammenschlüsse sein«, sagt Gender-Forscherin Pasero.
Freilich walten besonders in der deutschen Wirtschaft so erstaunliche Beharrungskräfte, dass allein mit lockerem Informationsaustausch, einem gut geführten Adressbuch und Selbstvertrauen noch nicht allzu viel auszurichten ist. Auch die neuen Netzwerke kommen offenkundig nicht ganz ohne eine gewisse Gewerkschaftlichkeit und einige unhintergehbare gesetzliche Regelungen aus.
Das bekamen jüngst die Teilnehmerinnen einer Veranstaltung des Deutschen Juristinnenbundes vor Augen geführt. Gedacht war der Abend als strategisches Treffen, um die in Wirtschaftskreisen verbreitete Abwehrbehauptung zu widerlegen, es gäbe hierzulande keine geeigneten Frauen für die Besetzung von Aufsichtsratsposten. Zum Anlass nahm man die norwegische Aufsichtsratsrevolution: Dort hat die Quotenregelung dafür gesorgt, dass norwegische Aktiengesellschaften in ihren Gremien inzwischen einen Frauenanteil von 28,8Prozent (März 2006) erreichen. Bei uns hat die Arbeitgeberseite freiwillig bisher nur drei Prozent ihrer Aufsichtsratsmandate an Frauen vergeben.
Schon der Ort des Treffens war ein Statement: keine modische Kneipe, kein zweitklassiges Hotel, kein lausiges Kongresszentrum, sondern die Repräsentationsräume der Deutschen Bank in Berlin. Das gesetzte Essen im Lichthof des Bankhauses hätte festlicher nicht sein können – ein eindrucksvoller Rahmen, der Selbstbewusstsein und Anspruch der Frauen signalisierte. Der Name des Ehrengastes weckte Erwartungen: Nicht irgendjemand aus der zweiten Reihe der Wirtschaft, sondern einer der wichtigsten »Player« war gekommen – Gerhard Cromme, Aufsichtsratsvorsitzender von Siemens und ThyssenKrupp, außerdem Vorsitzender der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex.
Eindrucksvoll waren auch die weiblichen Gäste: 150 Frauen mit exzellenten Karrieren – als Vorstände, Bereichsleiterinnen, Geschäftsführerinnen aus allen Branchen, Bankerinnen, Professorinnen, Partnerinnen in großen Anwaltskanzleien, Selbstständige. Impulsreferate hatten für Stimmung gesorgt, Furore machte vor allem die Präsentation einer amerikanischen Untersuchung, nach der Unternehmen mit einem höheren Frauenanteil in den Vorständen finanziell besser abschneiden.
Frauen unter sich. Als Gerhard Cromme auftrat, wurde schnell klar, dass zwei Welten aufeinanderprallten. Deutlich zu sehen war, dass »Mr.Corporate Governance« sich in seiner Haut nicht wohlfühlte. »Guck dir doch nur seine Körpersprache an«, wurde getuschelt. Auch seine Schmonzetten zogen nicht. Seine studierten Töchter hätten ihm mit auf den Weg gegeben: »Papa, da musst du durch.« Niemand lachte. Als er dann anfing darzulegen, wie ein Aufsichtsrat funktioniert und dass dieser kein Kaffeekränzchen mehr sei, wurde es unruhig im Lichthof. Als Cromme zu erklären versuchte, wie eng sein Entscheidungsspielraum bei der Besetzung von Aufsichtsratposten sei, weil die Aktionäre per Qualifikation vertreten sein wollten, war die Stimmung auf dem Siedepunkt.
Ausgepfiffen wurde Cromme nicht, dazu gab es zu viele brave Juristinnen im Saal. Aber sie alle waren hin- und hergerissen zwischen echter Wut und ehrlicher Betroffenheit. Doch die Frauen blieben professionell. Zum Abschied wurde »Mr. Corporate Governance« eine Liste mit den Namen von 400 Frauen überreicht, »die eine Bereicherung für viele Aufsichtsräte in unserem Land wären«.
Auch hochrangig besetzte Netzwerke wie das der Juristinnen stoßen mit ihren Kampagnezielen also immer noch an mentale Barrieren der alteingesessenen Männer – und in der Wirtschaft kommen diese stärker zum Vorschein als in der Politik. Doch die Erkenntnis, dass es qualifizierte Frauen sehr wohl gibt und dass diese keine Bedrohung für männliche Macht in Unternehmen, sondern einen möglichen Erfolgsfaktor, eine »Ressource« darstellen, setzt sich durch – langsam.
Freilich muss vor Übereifer auch wirklich gewarnt werden: Einfach »irgendwie ein bisschen Frauen-Vernetzung« bedeutet gewiss noch keinen unternehmerischen Durchbruch und nützt auch den Frauen nur sehr begrenzt. So waren Beschäftigte beim Springer-Verlag nicht wenig amüsiert, als ihre Personalentwicklungsabteilung im vergangenen Jahr eine Frauenbewegung quasi »von oben« anordnete und weibliche Führungskräfte zum Zwecke der Vernetzung in den Seminarraum der Abteilung lud.
Auf Bürostühlen saßen die Frauen um 18 Uhr im Kreis herum, nippten an einem Gläschen Wein und unterhielten sich vorrangig über Kinderthemen, obwohl die eine oder andere Teilnehmerin durchaus gern ein paar Worte über Aufstiegsstrategien gewechselt hätte. Als eine von ihnen fragte, warum das Ganze nicht etwas entspannter in einer Kneipe stattfinde, wiegelten die Organisatorinnen ab: Es könne ja sein, dass die Kolleginnen noch an ihre Schreibtische zurückmüssten. Der Wunsch nach moderner Frauenförderung kollidierte hier wohl mit der altmodischen Sorge, die Sache könne auf Kosten der Arbeitsleistung gehen.
Deutlich erfolgreicher, jedenfalls befriedigender für die Teilnehmerinnen, mögen da Bemühungen sein, die die St. Gallener Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel grinsend als »moderne Tupperpartys« bezeichnet. Das ist keine Beleidigung: Schließlich verbindet das Konzept der Tupperparty höchst effektiv Kontaktpflege und Verkauf. Der große Finanzdienstleister MLP beispielsweise bietet solche Veranstaltungen für seine in der Regel gut situierten Kundinnen an. In den beiden Bremer Geschäftsstellen des bundesweit operierenden Unternehmens arbeiten sieben Beraterinnen und 40 Berater; die Ingenieurin Nadja Rüdel hat eines der Büros aufgebaut und dort mit Kolleginnen den MLP Women’s Business Club gegründet.
MLP vermakelt Versicherungen und Altersvorsorgen, und ihre Kundinnen fühlen sich, nach Rüdels Eindruck, von frauenbewegten oder gar feministischen Frauenzusammenschlüssen nicht angesprochen. Deshalb entwickelten die MLP-Beraterinnen eine offene Plattform für eher bürgerliche Akademikerinnen, mit der sie drei Fliegen mit einer Klappe schlagen wollen: die Frauen vernetzen, ihr Interesse an Geldanlagen wecken, dabei natürlich für ihr Unternehmen werben und neue Kundinnen gewinnen, gut verdienende Ehegatten inklusive.
2003 startete der MLP Women’s Business Club in München, ein Jahr später in Bremen, inzwischen gibt es den Damenclub an elf Standorten, die Adresskarteien umfassen Tausende von Namen. Alle paar Monate werden Themenabende abgeboten: »Mein authentischer Auftritt« oder »Der Business-Knigge«. Vorher gibt’s Fingerfood, zur Eröffnung ein kurzes Referat über Finanzdienstleistungen, und nachher werden Visitenkarten getauscht. Oft erst nach Aufforderung, sagt Nadja Rüdel. »Frauen tun sich schwer damit, das von sich aus zu machen.«
Bei den Clubabenden fänden sich schnell Persönlichkeiten auf der gleichen Wellenlänge. Nadja Rüdel war erstaunt, wie viele der Teilnehmerinnen innerhalb ihrer Familie dem klassischen Rollenbild folgten und mit den Kindern zu Hause blieben, auch wenn sie vorher mehr verdient hatten als die Ehemänner. Doch auch diese Frauen seien an den Veranstaltungen sehr interessiert.
Die eigentliche Herausforderung bestand darin, innerhalb des männerdominierten Unternehmens Geld für die Idee aufzutreiben. Ein Business Club, der sich speziell an Frauen wendet, sei doch eine ausgezeichnete Imagewerbung für MLP, argumentierte Nadja Rüdel. Trotzdem fiel es zunächst schwer, Mittel für die Abende zu mobilisieren. »Bei den Entscheidern fehlte das Vertrauen, dass die Mädels das ganz ordentlich machen und dass es ein Gewinn fürs Unternehmen wird. Erst Fotos von einem unserer Treffen lösten die Vorbehalte auf. Die Herren waren richtig erstaunt und meinten verwundert, das sei ja eine hoch professionelle Veranstaltung«, sagt Rüdel amüsiert.
Während die Wirtschaft sich also in unterschiedlicher Weise schwertut, ist die Wissenschaft erkennbar zu einer Männerdomäne im Umbruch geworden. Männlich geprägte Netzwerke bestimmen zwar auch dort immer noch weitgehend die Karrierechancen der Frauen. Aber Wandel ist spürbar. »In den vergangenen zwanzig Jahren war er gewaltig,« sagt Hartmut Michel, ein nüchterner Biophysiker und als Nobelpreisträger eine begehrte Anlaufadresse für Studenten. »Vor zwanzig Jahren waren drei Viertel meiner Doktoranden männlich, heute sind drei Viertel meiner Doktoranden weiblich.«
Rund die Hälfte der Studienanfänger an deutschen Universitäten ist weiblich. Auf den höheren Stufen der Karriereleiter nimmt die Symmetrie dann allerdings schnell ab: 39 Prozent aller Promotionen entfallen auf Frauen, bei den Habilitationen sind es noch 23 Prozent. 29 Prozent der wissenschaftlichen Stellen sind in weiblicher Hand, aber nur 14 Prozent der Professuren. Bei den Lehrstühlen schrumpft der Frauenanteil auf 9,2 Prozent – noch nicht so viele, dass man von einer kritischen Masse sprechen könnte.
2006 haben sich die großen Wissenschaftsorganisationen in einer »Offensive für Chancengleichheit« mit vielen Sonderprogrammen verpflichtet, den weiblichen Nachwuchs stärker in den Blick zu nehmen. Denn ohne Förderung und Unterstützung läuft wenig. Wer vorankommen will, muss an einem komplexen, undurchsichtigen Prozess teilnehmen. Dieses Spiel stellt hohe Ansprüche an die Durchsetzungskraft. Frauen reüssieren offenbar umso besser, je formaler und transparenter die Verhältnisse geregelt sind. Doch von Transparenz sind die Strukturen für Nachwuchskarrieren in den Hochschulen weit entfernt. Informelle Beziehungen zwischen Professoren und ihrem wissenschaftlichen Nachwuchs, die aus Zufall und persönlicher Sympathie zustande kommen, fallen schwerer ins Gewicht.
Nicht jede hat so viel Glück wie Jetta Frost, heute eine junge Lehrstuhlinhaberin für Betriebswirtschaftslehre an der Hamburger Universität. Sie fand während ihres Studiums in Zürich etwas, was es hierzulande noch nicht lange gibt: mit der Organisationsspezialistin Margit Osterloh eine »Doktormutter«, die nach den eigenen fachlichen Erkenntnissen auch lehrt und lebt. Wissenschaftlich gehört Osterloh zu den Frauen im Fach, die der Männerclub der BWLer ernst nehmen muss, weil sie nicht nur sehr gut, sondern auch noch prominent ist. Für ihre Studentinnen war sie noch mehr: das Vorbild, nach dem sie suchen und das es in der akademischen Welt zu selten gibt. »Wir wollten alle so werden wie sie«, sagt Jetta Frost.
Margit Osterloh sieht fabelhaft aus, ist mit viel Geschmack angezogen; obwohl leicht als Star zu erkennen, ist sie keine eitle oder unnahbare Diva. Sie gehört zu denjenigen, die nicht die Ersten und die Einzigen bleiben wollen, wenn sie auf der Karriereleiter oben angekommen sind. Deshalb zieht sie ihre Schülerinnen nach – ein für Frauen noch weitgehend untypisches Verhalten (siehe Interview Seite 19).
Jetta Frost habilitierte sich bei ihr. Die Professorin nahm sie mit auf Konferenzen, stellte sie den wichtigen Leuten vor, achtete darauf, dass sie genügend wissenschaftliche Arbeiten in den »richtigen« (referierten) Zeitschriften veröffentlichte, und feuerte sie an, wenn sie zum »Vorsingen« bestellt war: Ist dein Vortrag in Ordnung? Kennst du die Professoren, die dir zuhören werden? Hast du ihre Veröffentlichungsliste durchgesehen, damit du weißt, was du sie fragen kannst? Was ziehst du an?
Wenn studierte Frauen Kinder bekommen, endet oft ihre wissenschaftliche Karriere und die Unterstützung ihrer Professoren. Anders bei Osterloh, die »vollamtliche« Mütter für eine volkswirtschaftliche Ressourcenverschleuderung hält. Jetta Frost ist in Zürich verheiratet und hat eine kleine Tochter. Ihr Lehrstuhl ist in Hamburg. Das Professorengehalt wird für die Kinderfrau, für die Flugreisen zwischen Uni und Familie und für ein kleines Apartment in der Hansestadt verbraucht. Die Belastung für Frost ist groß, aber hätte sie verzichten sollen? Und worauf?
Dass Frauen nicht mehr vor die Entscheidung »Familie oder Karriere« gestellt werden, hält auch Gisela Böhrk für das wohl wichtigste Ziel aller Netzwerkanstrengungen und frauenpolitischen Bemühungen. Die 62-jährige Sozialdemokratin war die erste eigenständige Frauenministerin in Deutschland – 1988, im ersten quotierten Kabinett des damaligen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Björn Engholm. Damals wurde Böhrk wie ein bunter Hund durch die Talkshows gereicht; heute kann sie mit einiger Gelassenheit aufs geschlechterpolitische Schlachtfeld blicken. Angela Merkel kennt sie noch aus deren Zeit als Bundesministerin für Frauen und Jugend unter Helmut Kohl. Sie wundert sich kein bisschen, dass diese Frau, die sie schon damals als freundlich, zielstrebig und kühl-gelassen empfand, heute Kanzlerin ist – auch dank erfolgreicher Netzwerkarbeit.
»Vielleicht kam Angela Merkel zugute, dass sie Erfahrungen berufstätiger Wissenschaftlerinnen aus DDR-Zeiten mitbrachte, aber die ganze westliche Emanzipationsdebatte nur aus der Ferne kannte«, sagt Böhrk. »Wir Westdeutschen waren zu lange auf die autonome Frauenbewegung fixiert, glaubten, Frauen müssten alles allein machen und brauchten keine nichtfeministischen oder gar männlichen Bündnispartner.« Diese Sichtweise sei zwar für die Identitätsfindung ihrer Frauengeneration wichtig gewesen, sagt Böhrk, habe aber den Blick auf eine Menge andere Dinge verstellt: auf die viel modernere Gleichstellungsdebatte in Skandinavien etwa; auf die Notwendigkeit, die Arbeitswelt den Bedingungen des Familienlebens anzupassen; auf tatsächlich erfolgreiche Frauen-Strategien der Vernetzung und des Mentorings.
»Trotzdem glaube ich nicht, dass es ohne gesetzliche Regelungen geht«, sagt Böhrk. »Sobald die Konjunktur wieder einbricht, heißt es: Jetzt haben wir existenzielle Probleme, da ist ja wohl das bisschen Gleichberechtigung nicht so wichtig.« Deshalb begrüßt sie das norwegische Modell der Aufsichtsratsquote ausdrücklich; deshalb fragt sie lächelnd, warum man eigentlich die Bewilligung von Wirtschaftsfördermitteln nicht an die Existenz eines frauengerechten Personalentwicklungsplans knüpfen könne.
Die Botschaft ist klar: Netze sind notwendig, können aber reißen. Einen
doppelten Boden schafft nur gesetzliche Absicherung.
Mitarbeit:
Tanja Busse
DIE ZEIT, 06.12.2007 Nr. 50
50/2007